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Benthe, den 26. Februar 2006 Lieber Günter, liebe Gabi, liebe Familie Ludwig, sehr geehrte Gäste! Roland Schreyer, der als jahrelanger Wegbegleiter und Freund Günter Ludwigs über sein Werk reflektiert hat und bei zahlreichen Ausstellungseröffnungen einleitende Worte sprach, bat mich, ihn heute hier zu vertreten. Mein Name ist Kornelia Hoffmann. Ich bin Kunsterzieherin. Ich muss bekennen, dass ich bisher außer Peter Lütgens und Christina Hentze keine weiteren Calenberger Künstler kannte. Dies liegt wohl in erster Linie daran, dass ich noch nicht lange in dieser Gegend beheimatet bin. Roland Schreyer schlug mir eine Begegnung mit dem Künstler Günter Ludwig in dessen Atelier vor. So trafen wir uns dort an einem Sonntagvormittag und gerieten in eine lange und interessante Unterhaltung. Der köstlich schmeckende Kräutertee, den seine Frau mir bereitete, war schon lauwarm, als ich letztendlich dazu kam, ihn zu trinken. Ich habe bei der Betrachtung der für diese Ausstellung zusammengestellten Bilder und bei Günters Worten dazu, viel über den Künstler Ludwig erfahren und über die Wertigkeit, die er dem Zeichnen beimisst. Obwohl er, wie ich finde, sehr gut und überlegt formuliert mit dem Mund sprechen kann, meint er, dass das, was er mit seinen Händen auf einem Zeichenblatt aussagt, noch viel mehr ist. Mich berührt beides sehr. Das Thema dieser Ausstellung lautet Abschied. Günter Ludwig meint, das ganze Leben sei ein Abschied, schon wenn wir geboren werden, sind wir dem Tod ausgesetzt. Das ist die eine Seite des Abschieds, das Bewusstsein über das Ende. Und doch ist Günter Ludwigs künstlerischer Werdegang ein Beispiel dafür, dass jeder Abschied den Keim für einen Neubeginn schon in sich trägt. Er selbst spricht verwundert darüber, dass er sich alle sieben Jahre etwas Neuem gewidmet hat. So gestaltet der 1950 in Rosenthal-Peine geborene Künstler bereits als 12-jähriger Bilder von van Gogh und Rembrandt nach. Mit 17 Jahren entstehen erste Ölbilder. Er studiert Maschinenbaukonstrukteur und Industriedesign. Noch während des Studiums stellt er erstmals in der Galerie Naescher in Goslar Ölbilder und Zeichnungen aus. Dem schließt sich die 7-jährige künstlerische Auseinandersetzung mit der Radierung an. Darauf folgen Lichtobjekte und die experimentelle Fotografie und wieder die Zeichnung. Günter Ludwig legt Mitte der 80er Jahre eine Zeichenpause ein, die sich nicht zuletzt auf das Unverständnis über das, wie die Gesellschaft Kunst macht und vermarktet, hier insbesondere die Bewegung der Neuen Wilden, gründet. Er entdeckt das Medium Computer für sich. Es entstehen virtuelle Graphiken und digitale Bildfolgen. Immer jedoch war und ist das Bedürfnis in ihm zu zeichnen. Das kommt spontan. Ein Foto, ein Wort, ein Gedicht, auch ein Streit lassen dann seine Hände Spuren finden auf dem Papier. Spuren, die einmalig sind lebendig, laut, leise, hart, unsicher, häufig auch mit der Faust gezeichnet. Diese Spuren lösen wiederum Worte aus, die sich spontan an den Bildrand fügen, gleich einem Namen Gedankenblitze. Diese Spuren haben es aber auch geschafft, bei anderen Worte auszulösen. Seit zwei Jahren erarbeitet sich Günter Ludwig wieder zeichnerisch Menschenbilder. Vor einem Jahr begann seine Auseinandersetzung mit dem Thema Abschied. Diese Ausstellung entstand auch aus einem Internetprojekt heraus. Heute kann man dazu noch nachlesen unter www. artgalerie-europe.de. Mehr als 100 Autorinnen und Autoren aus Schweden, Italien, Österreich, der Schweiz und Deutschland beteiligten sich am Internetprojekt zum Thema Abschied mit der Zusendung von Gedichten und erzählerischen Reflektionen. Über die Bekanntschaften zu einigen Autorinnen und Autoren entwickelten sich nun wiederum eigene Projekte. Günter Ludwig war z.B. erstaunt, als er die Gedichte von Sarah Ines, die sie zu einigen seiner Zeichnungen schrieb, las. Sie sprach die Gedanken aus, die er beim Zeichnen hatte. Wir dürfen uns freuen, die Autorin, die heute aus München hierher angereist ist, begrüßen zu dürfen. Drei ihrer erotischen Gedichte finden Sie neben den jeweiligen Zeichnungen im Großformat gedruckt präsentiert. Das Thema Erotik ist eines, was sich über dieses Internetprojekt entwickelte und welches nun auch ein Schwerpunkt dieser Ausstellung zum Thema Abschied ist. In Ludwigs Sehweise verdichten sich der Kontrast und die Vereinigung von Eros und Thanatos. So wie die sinnliche Ekstase zu einem Verlust von Ich-Gefühl, zu einem Außer-sich-Sein und einer Art Nirwana führen kann, so kann auch der Tod zu einer tröstlich-totalen Geborgenheit werden. Die Entrücktheit der von der Liebe Durchglühten und die Unabänderlichkeit des Todes, der wie eine Rückkehr in den Zustand vor der Geburt wirkt, greifen ineinander. Ludwigs bilderzählerischer Brückenschlag ruft die antiken Vorstellungen ins Gedächtnis. Danach waren die Pfeile des Eros einerseits vergoldet, um in den Getroffenen leidenschaftliches Begehren zu entfachen, andere Pfeilspitzen dagegen waren in Blei getaucht, um die Menschen von den sie Liebenden abzuwenden. Entzünden der Liebe und Enttäuschen, Beginn und Abschied waren in dieser einen Hand. Daher wurden später, in der Renaissance, im Barock und im Rokoko, der Liebesgott Eros und der Todesgott Thanatos oft ganz nahe beieinander und sich ergänzend dargestellt. (Zitat: Roland Schreyer) Ein weiterer neuer Akzent in Ludwigs Arbeit gewann durch die über dieses Internetprojekt entwickelte Bekanntschaft mit Dr. Owi Nandi an Bedeutung. Die Auseinandersetzung mit den Gedichten des Schweizer Autors ließ Ludwigs Hand abstrakte Landschaften entstehen. Ein Thema, mit dem er sich zuvor nur wenig direkt auseinandergesetzt hat. Dabei hat Landschaft für Ludwig in seinen zurückliegenden Arbeiten durchaus immer wieder ihren vieldeutigen Stellenwert, indem ihm etwa Porträts oder Körper zu rätselhaften Räumen geraten. Einerseits gibt es die Bilder, die Wege für Worte ebnen und andererseits sind da die Worte, die Wege für Bilder ebnen. Erinnern nicht auch die Händedarstellungen Pfade ihrer Taten (2005) oder Berührung (2005) an Landschaften? Birgitta Martin sprach bei einem ähnlichen Werk Günter Ludwigs von Fingerlandschaften. Pfade ihrer Taten Hände, die groß und mächtig, diagonal ins Format gesetzt das Format fast zu sprengen begehren zu scheinen. Hände, die harte Arbeit wohl kennen, die aber auch streicheln können, helfen können, Spuren hinterlassen können, die aber auch, schließt man leicht die Augen, fast wie ein aufgeschichteter Berg aussehen, der im Bild in seiner Linksneigung wiederum Halt bekommt durch die aufstrebende gestrichelte Senkrechte und das senkrecht im rechten Bildviertel angeordnete Künstlermonogramm. Auf der unteren Bildebene bilden senkrechte, dicht mit der Kohle aneinander gesetzte kurze Linien einen dunklen Richtungskontrast zu den lebendigen, scheinbar fortwandern wollenden Linien aus der Händedarstellung. Hände als Symbol des Abschieds, als Symbol für die Erotik und ebenso stellvertretend für Landschaften. Die Hand als solches ist für Günter Ludwig etwas Besonderes. Die Hand, mit der er nur das Wesentliche erfassen möchte, die Hand, mit der er von innen heraus arbeiten möchte, die Hand, mit der er Spuren nachgeht, Spuren setzt und Spuren hinterlässt. Ich wünsche Ihnen eine interessante Entdeckungsreise in der heutigen Ausstellung und Günter Ludwig ein Publikum mit Offenheit, Freude und Nachdenklichkeit beim Erleben von Spuren. |
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